Ein Haus, das es schon gibt

Drei Studierende der Münster School of Architecture haben das Karl-Arnold-Haus in Düsseldorf im Maßstab 1:50 nachgebaut. Ab dem 7. Oktober steht ihr Modell am Eingang der Ausstellung „Echtzeit“ der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.

Hier geht es zu einem Videobeitrag über das Projekt

„Sonst bauen wir immer nur Gebäude, die es noch nicht gibt“, erzählt Louise Albrecht. „Jetzt haben wir zum ersten Mal ein Gebäude originalgetreu nachgebaut, das schon existiert.“

Seit April haben sich Louise Albrecht, Theresa Redemann und Johannes Löcken mit diesem Bau beschäftigt. Hans Schwippert hat das Haus zwischen 1958 und 1960 in Düsseldorf-Bilk errichtet, seit 1970 ist es Sitz der Akademie. Das Gebäude gilt heute als bedeutender Nachkriegsbau, der seit 2002 unter Denkmalschutz steht.

Eine Anfrage aus Düsseldorf

Die Idee kam von Prof. Johannes Schilling. Er ist Mitglied der Klasse der Künste der Akademie und hat bis zu seinem Ruhestand an der MSA gelehrt. Für die Ausstellung „Echtzeit“ verändert er mit seinem Büro Schilling Architekten für einige Monate, wie man das Haus erlebt. Er fragte Prof. Manuel Thesing und Prof. Dr. phil. Thorsten Bürklin, ob die MSA mitmacht.

Das Jahresthema der Akademie „Wahrheit“ nahm der Theoretiker Bürklin zum Anlass die Frage zu stellen „Was bedeutet Wahrheit in der Architektur?“ Gemeinsam mit den Studierenden suchten sie im Karl-Arnold-Haus nach Antworten auf diese Frage.

Am Anfang stand ein Besuch. Akademiemitarbeiterin Esther Polito führte die Studierenden durch das Haus, auch durch Keller und Räume, die Besucherinnen und Besucher sonst nicht sehen. „Wir durften einen Blick hinter die Kulissen werfen“, sagt Redemann. Danach kamen die Bestandspläne, die nicht alle aktuell waren. Die drei mussten sie neu durchrechnen.

Drei Meter, ein Material

Das Modell zeigt das Haus im Längsschnitt. Mit Umgebung ist es rund drei Meter lang. In der Mitte kann man hindurchgehen und von dort in die Geschosse schauen. Das ist ungewöhnlich: Im Maßstab 1:50 baut man sonst meist nur einen Ausschnitt, nicht das ganze Gebäude.

Gebaut ist alles aus Holz. Wo der Laser an seine Grenze kam, haben die Studierenden Sperrholz von drei Millimetern doppelt verleimt. So kommen sie auf sechs Millimeter, im Original eine 30 Zentimeter dicke Wand. Jede Fassade besteht aus fünf übereinandergeklebten Schichten. Nur so werden die leicht auskragenden Fensterrahmen auch im Modell sichtbar.

Achterbahn in der Werkstatt

Die eigentliche Arbeit war Übersetzung. Jede Wand aus den Plänen musste auf eine Holzstärke gebracht werden, die es auch gibt. „Ist eine Wand 32 Zentimeter dick, machen wir 30 daraus“, erklärt Löcken. „Spart man das an jeder Wand ein, fehlt am Ende ein ganzer Zentimeter.“ Ein Zentimeter im Modell, das sind im echten Haus 50. Am schwierigsten war das Untergeschoss mit seinen vielen Ebenen und dem leicht geneigten Saal darüber.

In den letzten Wochen standen die drei täglich in der Werkstatt. Löcken beschreibt diese Zeit als Achterbahn: „Gerade denkt man noch, wir schaffen das, dann geht wieder etwas schief.“ Gerettet haben sie oft Markus Berger, Leiter der Holz- und Modellbauwerkstatt, und seine Kollegen Josef Berstermann und Dirk Ruck, die für fast jedes Problem einen handwerklichen Kniff kannten. Und einen Trick haben die Studierenden neu gelernt: Eine Folie auf dem Holz verhindert beim Lasern Schmauchspuren und spart viel Schleifarbeit.

Wahrheiten der Architektur

Neben dem Modell ist ein Buch entstanden, das zur Eröffnung vorliegt. Darin halten die drei fest, welche Wahrheiten in Schwipperts Bau stecken. Zwei davon sind direkt im Modell zu sehen: die Konstruktion, die der Schnitt offenlegt, und das Material, reduziert auf Holz. Andere, etwa die Bedeutung von Glas und Transparenz in der Nachkriegsarchitektur, erschließen sich eher im Buch.

Thesing hat die Arbeit in Gesprächen und Korrekturen begleitet: bei Literatur, Zeichnungen und Modellbau. Er will, dass die Studierenden sehen lernen: „Sie sind keine Erfinder, sondern Entdecker.“ Ob das Karl-Arnold-Haus zu dem Zeichen seiner Zeit geworden ist, das Schwippert sich gewünscht hat? „Auf jeden Fall. Weil es ehrlich ist. Man hat nichts versteckt.“

Was bleibt

Aus dem Projekt nimmt Albrecht vor allem eines mit: „Jedes Detail hatten wir einmal in der Hand.“ Und noch etwas ist anders als im Studienalltag: „Meistens landet ein Modell nach der Prüfung im Müll.“ Dieses Modell hat eine Aufgabe. Wer die Ausstellung betritt, steht zuerst vor dem Modell und findet die Räume später im echten Haus wieder.

Ob die drei sich im Modell selbst verewigt haben? „Das dürfen wir noch nicht verraten.“ Für alle drei beginnt nach diesem Großprojekt direct das nächste: die Masterthesis.