Liz Deschenes
Ohne Titel
2025
Zwei chromogene Abzüge, auf Dibond montiert, im Künstlerrahmen eingefasst, 157,5 x 97,5 x 20,3 cm
Courtesy of the Artist and Kadel Willborn
Liz Deschenes beschäftigt sich mit den technischen Bedingungen des Mediums Fotografie, der Konstruktion neuer Perspektiven auf die Wirklichkeit und zugleich einem tiefen Interesse an Architektur und ihrem Einfluss auf unsere Wahrnehmung. In ihren fotografisch-skulpturalen Arbeiten befreit die Künstlerin die Fotografie von jeder repräsentativen Aufgabe, die ihr historisch zugeschrieben wurde. Stattdessen konzentrieren sie sich auf die jeweiligen Bedingungen der Wahrnehmung und die technischen Koordinaten der „Bildherstellung“: Material, Ort, Zeit und Architektur.
„Untitled“ (2025) besteht aus zwei chromogenen Hochglanzabzügen, die mithilfe eines eigentlich für Farbfotografien entwickelten, besonders beständigen Verfahrens paradoxerweise tiefschwarze Oberflächen erzeugen. Schräg in ihre Rahmen eingesetzt, erinnern sie an die Verstellbewegungen einer Großformatkamera, wie sie zu Zeiten Lucia Moholys verwendet wurde, auf deren Schaffen sich Deschenes‘ Werk indirekt bezieht. In der modernistischen Architektur der Akademie, mit der Hans Schwippert verwandte Impulse des Bauhauses in eine humanistisch und demokratisch verstandene Nachkriegsmoderne überführte, erhält dieser Bezug eine besondere Resonanz: Moholys Fotografien des Bauhauses haben wesentlich dazu beigetragen, wie sich die Architektur der Moderne in das visuelle Gedächtnis eingeschrieben hat.
Deschenes kehrt dieses Verhältnis von Fotografie und Architektur gewissermaßen um. Ihre Arbeiten bilden den Raum nicht ab, sondern reflektieren und absorbieren ihn; die Architektur der Akademie, das wechselnde Licht und die Bewegungen der Betrachtenden werden selbst Teil des Bildes. So lässt das Werk Moholys Silbergelatinefotografien der 1920er-Jahre nachhallen und verweist zugleich auf die Verbindung von künstlerischem Experiment, technischer Forschung und räumlicher Wahrnehmung, für welche die Akademie als Institution steht.
Liz Deschenes (*1966) ist eine US-amerikanische Künstlerin, die in New York lebt und arbeitet. Sie ist bekannt für ihre kameralose und postkonzeptuelle Fotografie, in der sie operativ die konstituierenden Bedingungen des Mediums wie Licht, Papier, chemische Prozesse und Zeit untersucht. Mittels Oxidation entstehen spiegelnde Oberflächen, die auf ihre Umgebung reagieren und so je nach Tageszeit, Wetter und Architektur changieren. Ihre fotografischen Objekte werden durch die Betrachtenden unmittelbar aktiviert. Auf diese Weise verweigern sie sich der dem Medium Fotografie im klassischen Sinne konnotierten Repräsentationslogik und -politik.
Deschenes studierte an der Rhode Island School of Design (B.F.A. Fotografie, 1988) und lehrte u. a. am Bennington College sowie als Gastkünstlerin an Columbia, Yale, Cooper Union und Bard College. Ihre Arbeiten wurden u. a. im Whitney Museum, im MoMA New York, im Centre Pompidou und im Walker Art Center gezeigt; 2016 widmete ihr das ICA Boston die erste große Überblicksausstellung. Sie erhielt u. a. den Rappaport Prize (2014) und ein Stipendium der Anonymous Was A Woman Foundation (2004).