Oliver Laric

Ohne Titel, 2026
4K Video
3:59
Courtesy the Artist – Warte auf Rückmeldung

Eine neue, unbetitelte Videoarbeit von Oliver Laric konzentriert sich auf Daumenkino-Animationen, die an den Seitenrändern von Romanen und Sachbüchern erscheinen und erst beim Durchblättern in Bewegung geraten. Sie zeigt keine eigenständigen Daumenkinos, sondern rückt Nebenfiguren und Nebenhandlungen ins Zentrum, ohne ihren marginalen Charakter aufzuheben. Damit schließt die Arbeit an Larics Auseinandersetzung mit der Zirkulation und Verwandlung von Bildern an: Das Bild erscheint bei ihm nicht als abgeschlossenes Original, sondern als vorläufige, stetig veränderliche Form.

Technisch wäre das Daumenkino bereits seit der Durchsetzung des gebundenen Codex möglich gewesen; auch die Ränder mittelalterlicher Handschriften waren häufig mit Bildern bevölkert. Dennoch entstand es erst in den 1860er-Jahren und wurde 1868 als „Kineograph“ patentiert. Es gehört zu jener Familie optischer Apparate, die Jonathan Crary in „Techniken des Betrachters“ (1990) an den Beginn des modernen Sehens stellt. Wahrnehmung wird darin neu organisiert und an den Körper gebunden. Zugleich entsteht eine elementare Form von Echtzeit: Das Bild setzt sich erst im Moment des Durchblätterns und im Rhythmus der Hand zu einer Bewegung zusammen. Betrachtung und Bildproduktion fallen zeitlich ineinander.

Da Randanimationen bislang weder als eigene Kategorie gesammelt noch verzeichnet wurden, trägt Larics Video Beispiele aus europäischen wie asiatischen Publikationskontexten zusammen. Die Installation nahe der Bibliothek der Akademie verleiht diesem Gedanken einen konkreten räumlichen Bezug: Zwischen Büchern und ihrer institutionellen Ordnung richtet das Video den Blick auf Bilder, die von bibliografischen Systemen gewöhnlich nicht erfasst werden. Die Bibliothek erscheint so nicht nur als Wissensspeicher, sondern auch als Reservoir übersehener visueller Formen. Da die Recherche fortlaufend ist, bleibt das Werk offen und wächst mit jedem neu aufgefundenen Beispiel weiter – ein Archiv, das sich nicht nur mit der Zeit verändert, sondern Zeit selbst als Bewegung erfahrbar macht.

Oliver Laric (*1981 in Innsbruck) ist ein österreichischer Post-Internet-Künstler, der in Berlin lebt und arbeitet. In seinen Skulpturen, Videos und webbasierten Arbeiten erforscht er das produktive Potenzial der Kopie. Dabei dekonstruiert er den Begriff der Autorschaft und stellt historische Kontinuität sowie Originalität konsequent infrage. Er ist vor allem für seine Skulpturen, die mittels digitaler Technologien wie 3D-Scan und 3D-Druck in Kombination mit klassischer Bildhauerei entstehen, bekannt. In anderen Objekten überführt er Phänomene der Netzkultur in den physischen Raum.

Laric schloss 2005 sein Studium an der Universität für angewandte Kunst Wien ab und ist Mitbegründer der einflussreichen Kunstplattform vvork.com (2006). Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Einzelausstellungen präsentiert, unter anderem im Stedelijk Museum Amsterdam, der Secession Wien, im Schinkel Pavillon Berlin und im Hirshhorn Museum in Washington, D.C.